Paris, Bibliothèque nationale de France, Ms. lat. 14145

Paris, Bibliothèque nationale de France, Ms. lat. 14145

Sammelband

Handschriftentitel:

Paris, Bibliothèque nationale de France, Ms. lat. 14145

Entstehungsort:

Frankreich

Entstehungszeit:

9.-15 Jh.

Frühere Signatur(en):

  • Saint-Germain-de-Prés (Paris): A 15 (Saint-Pierre, Corbie ?)
  • Saint-Germain-de-Prés (Paris): 655 (17. Jh.)
  • Saint-Germain-de-Prés (Paris): N. 1411 (18. Jh.)

Äußere Beschreibung

Beschreibstoff:

Pergament. Für beide Spiegel samt Vor- bzw. Nachsatzblatt ist jeweils ein einzelner Papierbogen verwendet worden (Bl. A bzw. Bl. A').

Umfang:

1 + 76 + 1 Bl.

Format:

22,3 x 16 cm

Foliierung:

Neuere Foliierung jeweils auf dem Recto oben rechts aus dem 17./18.Jh.

Lagenstruktur:

Spätere Ergänzungen:

Auf dem Recto des Vorsatzblattes (Bl. Ar) ein Inhaltsverzeichnis aus dem 18.-19. Jahrhundert: Hic continentur/ Carmen de Sancta Agnete Virg. et Martyre./ Initium Panormiae Ivonis./ Confessio Trinitatis./ de Vita S. Sulpicii Episcopi Biturie./ Liber de Novitiorum instructione./ Summa Mag.ri Guillelmi Autisiodorensis de officiis ecclesiasticis.

Ebenda ein Vermerk von der Hand des damaligen Administrateur général der Bibliothèque Nationale, Leopold V. Délisle, versehen: Volume de 76 Feuillets/ les Feuillets 1-38, 40 sont mutilés/ 4 Octobre 1897.

An den Seitenrändern begegnen zuweilen leicht verblaßte religiöse Kritzeleien: auereginacelorum, paternoster u.ä. (Bl. 9v, 10r, 11r, 13v, 49v, 50v u. 51r).

Einband:

Die beiden Holzplatten des Einbands (ca. 15,9 x 22,8cm) sind mit grauem, abgegriffenem Schweinsleder bezogen. Auf dem Rücken zeichnen sich vier Bünde ab. An Kopf und Schwanz treten die Kapitale offen zutage: Die grünen und beigen Heftfäden sind jeweils auf einen kleinen Holzstift gewickelt (oben defekt).

Herkunft

Provenienz der Handschrift:

Der Sammelband aus dem Bestand des Benediktinerklosters von Saint-Germain-des-Prés zu Paris vereint Texte unterschiedlichster Herkunft und unterschiedlichsten Alters, die erst zwischen 1639 und 1677 im Kloster von Saint-Germain-des-Prés zu einem Codex zusammengebunden wurden+ und sich optisch aufgrund der Qualität des Pergaments und der verschiedenen Schriftspiegel deutlich voneinander unterscheidenx. Die erste und die letzte Seite der einzelnen Texte sind oft stark abgenutzt und verschmutzt, was darauf hinweist, daß einige Texte zuvor ein gewisse Zeit separat verwahrt wurden (Bl. 1r, 8v, 9r, 14v, 15r, 41r). +Der Bestand der Bibliothek von Saint-Germain war im Zuge der emsigen Sammel- und Forschertätigkeit der Mauriner im 17. und 18. Jahrhundert vor allem um hagiographische Texte aus anderen Skriptorien stark erweitert worden. Nach den Wirren der Revolution ging der größte Teil der Bibliothek im Bestand der französischen Nationalbibliothek auf. xAn zwei Stellen wird auf den Bestand von Saint-Germain-des-Prés verwiesen (Bl. 1r oben, Bl. 41r unten).

Die tatsächliche Herkunft der einzelnen Abschriften läßt sich nur für das metrische Passionsgedicht der heiligen Agnes aus dem 9. Jh. bestimmen (siehe dort). Einen Hinweis auf Provenienz der anderen Handschriftenteile könnte lediglich die verschnörkelte Unterschrift des Kopisten unter dem didaktischen Traktat der Blätter 19r-37r aus dem 15. Jh. geben: J[ean] Mandeville.

Der Codex weist eine Reihe älterer Signaturen auf: Auf dem Buchrücken ist die Signatur "655" der Bibliothek von Saint-Germain aus dem 17. Jh. zu lesen, unter der der Codex im oben genannten Katalog von 1677 geführt wird (B.N. nouv. acq. fr. 5792, Bl. 147r-v). Auf Bl. 1r auf dem unteren Seitensteg wird neben derselben Signatur auch die Signatur des in den Jahren zwischen 1735 und 1744 erneuerte lateinischen Handschriftenbestandes der Bibliothek von Saint-Germain angegeben: N. 1411./ olim 655/ 655. Des weiteren liest man auf derselben Seite unten mittig die Ziffer 25. Auf Bl. 41r, unter dem Verweis auf Saint-Germain (s.o.), liest man die noch ältere Signatur A 15.+ Die aktuelle Signatur ist jeweils auf einer Papiermarke auf dem Buchrücken sowie auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels angebracht; auf den Blättern 1r und 76v firmiert mittig der obligatorische rote Stempel der Bibliothèque Nationale de France.x

Bibliographie

  • Léopold Victor Délisle, Inventaire des manuscrits latins, Inventaire des manuscrits de Saint-Germain-des-Prés, Paris 1868, 129.
  • Vgl. ders., Le cabinet des manuscrits de la Bibliothèque Nationale, Bd. 2, Paris 1874, 40-103 u. 137-139.
  • Catalogus codicum hagiographicorum latinorum qui asservantur in Bibliotheca Nationali Parisiensi, ediderunt Hagiographi Bollandiani, Bd. 3 (Bruxelles 1893), 222.
  • Martineau 1932, 35f.
  • François Dolbeau, Anciens possesseurs des manuscrits hagiographiques latins conservés à la Bibliothèque nationale de Paris, in: Revue d'Histoire des Textes, Bd. 9 (1979), 183-238, hier 229f.
  • Ribaillier 1987, 12.
  • David Ganz, Corbie in the Carolingian Renaissance (Beihefte der Francia, 20), Sigmaringen 1990, hier bes. S. 38. Online: perspectivia.net

Handschriftenteil I (Bl. 1-8)

Handschriftentitel:

Carmen de sancta Agnete

Entstehungszeit:

9. Jh.

Äußere Beschreibung

Zustand:

Bl. 1 weist größere Löcher auf, die in jüngerer Zeit notdürftig verklebt wurden.

Seiteneinrichtung:

10,5 x 17,6 cm (Schriftspiegel);1 Kol. à 27 Zeilen.

Der Text setzt jeweils über der ersten Linie ein. Die Linien wurden blind eingeritzt.

Schrift und Hände:

Karolingischen Minuskeln; Rubriken und, in einer Versalienspalte am Zeilenbeginn, Initialen als Capitalis.

Inhalt:

1. Bl. 1r-8vCarmen de sancta Agnete virgine et martyre, Passio metricaINCIPIT PROPOSITIO SEQUENTIS OPUSCULI. Iam uulgata licet maneant exempla salutis ...–... INUOCATIO. Nunc age rumpe moras calamis ...–... ENARRATIO. Tertia post decimam fieret cum ...–... Altipetax ex igne polos migrauit in altos.

Edition: Novem vitae sanctorum metricae, ed. Wilhelm Harster, Leipzig 1887, 38-51, cf. VI; cf. BHL 161; ICL 10713 (online); Karl Strecker, in: MGH, Poetae latini 6, 108-110 (nach dieser Hs.)

Herkunft

Provenienz der Handschrift:

Der Mauriner Jérôme Anselme Le Michel (1601-1644) hat den Text (Bl. 1-8), einen Quaternio aus dem 9. Jh., am Rand mit dem Titel versehen: poema de s. agnete. Es handelt sich hier vermutlich um dasselbe Textdokument, das er im Dezember 1639 in einem Katalog unter den 400 Handschriften aufzählt, die 1638 unter seiner Aufsicht aus dem Benediktinerkloster Saint-Pierre zu Corbie nach Paris zu den Ordensbrüdern von Saint-Germain transferiert worden waren. Der Eintrag lautet folgendermaßen: Poema elegans de S. Agnete in folijs separatis et {?} carmine hexametro {ss.} E 5 {?} ... {es folgen etwa fünf durchgestrichene Wörter} (B.N. lat. 11777, Bl. 242v). Die Signatur E 5 ähnelt der Signatur A 15 auf Bl. 14r und ist möglicherweise von Le Michel für einen bestimmten Bestand der Bibliothek von Saint-Germain eingeführt worden, ohne daß sie bei späteren Katalogisierungen Beachtung gefunden hätte.

Handschriftenteil II (Bl. 9-14)

Handschriftentitel:

Panormia Ivonis

Entstehungszeit:

12. Jh.

Äußere Beschreibung

Beschreibstoff:

Pergament.

Seiteneinrichtung:

11 x 19,3 cm (Schriftspiegel);1 Kol. à 40 Langzeilen.

Das Kapitelverzeichnis ist zweispaltig; Interkolumnium ca. 2,1 cm. Punktierung am Seitenrand z.T. sichtbar.

Schrift und Hände:

Frühgotische Minuskelschrift.

Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:

Vorgesehene Initialen fehlen durchweg.

Inhalt:

2. Bl. 9r-14vIvo von Chartres, Panormia

Fragment: Prolog, Index capitularum, Lib. 1, cap. 1-8 (endet abrupt mit dem Lagenende).

Rubrik: (17. Jh., Anselme Le Michel) principium pânomiae Iuonis.

Bl. 9v[E]xceptiones ecclesiasticarum regularum+partim ex epistulis romanorum pontificum partim ex gestis conciliorum catholicorum episcoporum, partim ex tractatibus orthodoxorum patrum, partim ex institutionibus catholicorum regum non nullo labore in unum corpus adunare curaui.x ...–... de omni genere mundacij.

Rubrik: (tabula capitulorum, Bl. 13ra) [D]e fide sancte trinitatis.

[C]redimus unum deum esse patrem, et filium, et spiritum sanctum. patrem eo quod habeat filium ...–... [F]irmissime tene et nullatenus dubites omnem hominem qui perconcubitum.

Edition: PL 161,47-60 (Prolog, cap. 1-34) u. 1041-1344, hier: 1041-1049A, Zeile 8; cf. F.B. Bliemetzrieder, Zu den Schriften Ivos von Chartres, Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften in Wien 182, Wien 1917; Jean Leclercq, Yves de Chartres, Correspondance I (1090-1098), Paris 1949; Christof Rolker, Canon Law and the Letters of Ivo of Chartres, Cambridge 2010

Handschriftenteil III (Bl. 15-18)

Handschriftentitel:

Vita Sancti Sulpicii Pii

Entstehungszeit:

11. Jh.

Äußere Beschreibung

Beschreibstoff:

Pergament.

Lagenstruktur:

Ein Bifolio mit zwei weiteren Einzelblättern.

Zustand:

Das Pergament ist relativ dick und rau.

Seiteneinrichtung:

ca. 11,6 x 19,5 cm (Schriftspiegel);1 Kol.;à 24 od. 27 Langzeilen.

Text beginnt oberhalb der ersten blind eingeritzten Linie; Punktierung.

Schrift und Hände:

  • Minuskelschrift des 11. Jahrhunderts (gemäß Délisle) in brauner Tinte.
  • Eine jüngere Hand hat im Kopfsteg der ersten Seite einen Titel hinzugesetzt: s. Sulpicij.

Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:

Zuweilen rubrizierte Initialen.

Inhalt:

3. Bl. 15r-18vVita Sancti Sulpicii Pii

Fragment: cap. 12-21 (zw. Kapitel 14 und 15 beginnt im Unterschied zu den edierten Textfassungen ein neues Buch (Bl. 16r); folgende Rubrik ist dort zu lesen: FINIT LIBER PRIMUS. INCIPIT LIBER SECUNDUS.).

Edition: PL 80,574-592, hier: 578C-581D (cf. BHL 7930)

Rubrik: (manus recentior) Vita sancti Sulpicij.

Suasionibus sine dilatione iussit impleri+, quod diuine fuerit prouidentiex ...–... Vbi uir beatus sopore deprimitur cumsueto.

Handschriftenteil IV (Bl. 19-40)

Handschriftentitel:

Tractatus de ordine vitae et morum institutione

Entstehungszeit:

15. Jh.

Äußere Beschreibung

Beschreibstoff:

Pergament.

Zustand:

Die drei Lagen (Bl. 19-40) sind im Vergleich zum übrigen Codex schmaler und aus feinerem, hellem und dünnem Pergament.

Seiteneinrichtung:

ca. 9,2 x 16,2 cm (Schriftspiegel); 1 Kol. à 35 Langzeilen.

Der Text setzt unterhalb der ersten Linie ein; Punktierung; die Linierung schimmert blaß-rötlich. Die letzten drei Blätter und die Rückseite von Bl. 37 sind liniert, aber unbeschriftet.

Schrift und Hände:

Hybrida formata

Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:

Die Initialen der Kapitel wurden rot ausgeführt. Repräsentanten sind am äußersten Seitenrand zu sehen. Zierstriche der Majuskeln eines jeden Satzanfangs sind allesamt verblaßt.

Spätere Ergänzungen:

Außer einer kleinen Korrektur (Bl. 19v) und einem knappen Autoritätenverweis (Bl. 20r) keine Randbemerkungen.

Inhalt:

4. Bl. 19r-37rAnonymus, Tractatus de ordine vitae et morum institutione

(Autor vermtl. ein Benediktiner aus dem Schülerkreis Bernhards von Clairvaux).

Edition: PL 184, 559-584

Rubrik: (manus recentior in margine) Liber De institutione Nouitiorum, et ad eos exhortatio

Rubrik: (altera manus recentior in margine) Jnstructio Juuentutis

HOrtatur quidem timidam mentis mee imperitiam ...–... clama precor clamore magno in toto corde tuo et flebilis supplexque Ora.

Handschriftenteil V (Bl. 41-76)

Handschriftentitel:

Wilhelm von Auxerre

Entstehungszeit:

13. Jh.

Äußere Beschreibung

Beschreibstoff:

Pergament.

Foliierung:

Die einzelnen Blätter der Summa de officiis ecclesiasticis waren vormals mit Bleistift (?) foliiert worden: Sehr schwach und oft nicht mehr lesbar finden sich jeweils auf dem Recto unten mittig römische Ziffern von I bis XXXVI fortlaufend.

Zustand:

Das Pergament einiger Blätter ist von minderer Qualität und aus zu schmalen, löchrigen oder unebenen Randstücken gefertigt worden (Nähte auf Bl. 59-61, 68f. u. 79); Wurmlöcher.

Seiteneinrichtung:

11,8 x 15,5 cm (Schriftspiegel); 2 Kolumnen à 49-54 Zeilen.

Der Text setzt jeweils oberhalb der ersten Linie ein; Linienziehung mit Bleistift; Punktierung z.T. sichtbar.

Schrift und Hände:

Kleine und mit vielen Kürzungen durchsetzte Textualis currens. Das Schriftbild hat Ähnlichkeit mit dem der überlieferten Autographe Alberts des Großen (s. Einleitung). Zitate liturgischer Texte und Verweise auf Bibelstellen und Autoritäten sind konsequent rubriziert. Das Textbild ist darüber hinaus durch Rubriken, rubrizierte Satzanfänge, Marginalien und Paragraphenmarkierungen strukturiert.

Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:

Vorgesehene Initialen fehlen größtenteils; die entsprechenden Repräsentanten sind zumeist an den äußeren Seitenrändern zu finden.

Inhalt:

5. Bl. 41ra-76vaWilhelm von Auxerre, Summa de officiis ecclesiasticis

Rubrik: Jncipit summa magistri Guillelmi autisiodorensis de officijs ecclesiasticis.

Jerusalem que sursum est+mater nostra dicitur propter triax ...–... +[h]abent etiam stolam que significat leue iugum christi, xque a dextris et a sinistris coniungitur cingulo.

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